Die Nacht war kalt und stürmisch. Eiskalter Regen prasselte
auf Ron herab, der ziellos durch die Straßen seiner Stadt lief, immer
weiter, wie gehetzt. Ihm war übel, seine Glieder schmerzten und
zitterten, und sein Frösteln stammte nicht von der Kälte. Die spürte er
nicht einmal. Sein Körper war schlimmeres gewöhnt, seit er sich vor
Monaten zum ersten Mal eine Nadel in die Venen gejagt hatte, und
seither immer
und immer wieder.
„Du siehst aus, als ob du was brauchen könntest, Junge", hatte der Typ am
Hauptbahnhof gesagt. „Das Zeug hier löst alle deine Probleme!"
„Ja, Scheiße!", dachte Ron. Deprimiert war er gewesen, weil ihm seine
Freundin den Laufpass gegeben hatte. Ihm! Froh hätte sie sein sollen,
dass er überhaupt mit ihr zusammen war. Statt dessen machte sie ihm
eine Szene, er hätte keine Zeit für sie und würde nur noch an den Job
denken. Und an die niedliche Sekretärin von Zimmer 201.
Überhaupt, seine Arbeit. Da lief es in letzter Zeit auch nicht so, wie
Ron es sich vorstellte.
Die Beförderung hatte Stefan bekommen. Ausgerechnet Stefan. Der
Schleimer. Von seinem Job hatte der doch gar keine Ahnung! Aber sich
beim Chef lieb Kind machen, das konnte er. Dabei hätte Ron das
zusätzliche Geld gut brauchen können. Die Miete war ihm zu Anfang des
Jahres beträchtlich erhöht worden, und er wusste nicht, wie lange er
sich die Wohnung noch würde leisten können. Und dann, alleine daheim in
der leeren Wohnung, mit all seinen Problemen und trüben Gedanken, war
ihm die Decke auf den Kopf gefallen. Da war er halt abends auf Tour
gegangen, von einer Kneipe in die nächste, um sich abzulenken. Eine
neue Freundin hatte er aufreißen wollen, die ihn trösten sollte. Statt
dessen hatte ihn der Dealer angesprochen und ihm das Feeling seines
Lebens in Aussicht gestellt. Und so hatte Ron zugegriffen. Auf in ein
besseres Leben!
Jetzt, fast ein halbes Jahr später, war es nicht besser geworden. Seine
Wohnung war ihm gekündigt worden, weil er sein Geld in die Sucht
gesteckt hatte, statt in die Miete. Egal. Er hatte sowieso keine
Möbelstücke oder Wertsachen mehr. Alles hatte er verscherbelt und als
Heroin in die Adern gespritzt. Sein Job war natürlich auch weg. Die
Droge hatte ihn gleichgültig, krank, unzuverlässig und aggressiv
gemacht. Das hatte sich sein Chef keine drei Wochen mehr angesehen.
Seine Nächte verbrachte
er auf der Straße oder im Obdachlosenasyl. Durch die Sucht
hatte er sich zum Kriminellen entwickelt, der sich, wo immer es eine
Möglichkeit gab, Geld für seinen Stoff besorgte. Durch Klauen,
Überfälle, und jetzt sogar als Dealer. Leider war die Zivilstreife ihm
draufgekommen und hatte ihn quer durch die Stadt gejagt. Das Heroin
hatte er auf der Flucht verloren; lauter kleine Stanniolbriefchen, die
er um sich gestreut hatte, aus Panik, eingebuchtet zu werden. „Dabei
hätte ich es im Knast warm und trocken gehabt", dachte Ron zynisch. In
einer Fensterscheibe sah er sein Spiegelbild.
Mit seinen 30 Jahren sah er aus wie ein lebender Toter; abgemagert bis
auf die Knochen und so bleich, dass man deutlich die roten Spuren der
Einstiche erkennen konnte, überall auf seinen Armen. Nach Atem ringend
vom vielen Laufen und erschöpft schleppte er sich über den nassen
Asphalt. Auf einer Brücke blieb er stehen und sah nach unten. Acht
Meter unter ihm fuhren vereinzelte Autos, deren Fahrer bestrebt waren,
so schnell wie möglich nach Hause zu gelangen. In Fontainen gischtete
das Wasser unter den Reifen hervor, spritzte nach oben und vereinte
sich wieder mit dem geschlossenen Wasserfilm auf der Fahrbahn. Die
Lichter der Scheinwerfer verschwammen und verschmolzen mit dem Regen.
Der Entschluss war schnell gefasst, und das letzte, was er hörte, war
das Zersplittern seiner Knochen, als er unten aufschlug.
Undurchdringliche Schwärze umfing Ron. Gleichzeitig fühlte er sich
leicht, als hätte er eine tonnenschwere Last hinter sich gelassen. Die
Kälte und all seine Schmerzen waren plötzlich weg. Die Müdigkeit und
Erschöpfung seines Körpers existierten nicht mehr. Er spürte, wie er
dies alles wie eine Hülle abstreifte und sein Geist schwerelos einen
vorgezeichneten Weg einschlug. Er schien höher und höher zu steigen.
Die Dunkelheit löste sich in einem zarten Lichtschein auf. Seine Sorgen
waren wie weggewischt, und er fühlte sich gelöst und heiter. Um ihn
herum wurde es heller, und er schwebte durch einen glänzenden, dichten
Nebel.
„Wow. Wie es in den Büchern steht", dachte Ron bei sich. „Gleich stehe
ich vor dem Himmelstor, und ein alter Mann mit einem Bart drückt mir
eine Harfe in die Hand."
„Du gehörst nicht in den Himmel. Noch nicht."
Wo kam diese Stimme her? Er hatte doch gar nichts gesagt! Ron konnte
nichts sehen, doch hatte er deutlich die Worte hören können, die ihm
den Zutritt zum Himmel verwehrten. Klar. Eigentlich hätte er von selbst
drauf kommen können. Ein Selbstmörder im Himmel?
Davon hatte er im Leben noch nichts gehört. Und im Tod war es anscheinend auch
nicht üblich. „Also komme ich jetzt in die Hölle? Wer bist du eigentlich? Wo bist du?" Ron sah sich um, doch er sah nur
gleichmäßiges Licht, das den Nebel um ihn erhellte.
Die Stimme sprach erneut zu ihm, sie klang sanft, aber mahnend. „So
viele Fragen. Warum stellst du sie erst jetzt? Im Leben hättest du nach
Antworten suchen müssen. Du hättest fragen sollen, wer dir helfen kann.
Ob Sandra dich nicht doch noch liebt. Ob es keine Chance gibt, mit der
Sucht fertig zu werden. Ob es nicht doch
noch einen anderen Ausweg gibt als den, den du gewählt hast. Dann wärst
du jetzt nicht hier."
Ron fühlte sich sofort genervt. Um eine Gardinenpredigt zu hören, hätte
er nicht zu sterben brauchen. „Wieso? Ich fühle mich prima! Endlich ist
alles so, wie es sein soll! Keine Schmerzen mehr, ich bin nicht mehr
krank vor Gier nach dem nächsten Schuss! Ich habe keine Sorgen mehr,
woher ich die Kohle zum Leben nehmen soll. Das hier hätte ich viel
früher machen sollen! Endlich geht´s mir gut!"
„Niemandem steht es zu, Leben zu nehmen. Auch das eigene nicht. Das
weißt du. Ich hatte noch viel vor mit dir, Ron. Ich hatte gehofft, du
würdest deinen Weg finden. Doch du hast den einfachen Weg gewählt,
nicht den richtigen."
Jetzt wurde es Ron zu viel. „So? Du hattest noch was vor mit mir? Was
denn? Wolltest du mich noch ein wenig länger verrecken sehen? Welche
Zukunft hätte ich denn noch haben können? Willst du das, was ich hatte,
etwa ein Leben nennen?", schrie er in den Nebel hinein.
Und die Stimme antwortete ihm. Sie klang traurig.
„Ihr Menschen denkt doch immer, ihr könntet euer Leben selbst in die
Hand nehmen und wüsstet über alles bescheid. Gar nichts wisst ihr. Und
du schon gar nicht. Warum hast du deine Zukunft nicht meine Sorge sein
lassen? Dein Leben hätte noch in dieser Nacht eine Wendung
zum besseren genommen, wenn du nur weitergegangen wärst. Du denkst, du
hattest Pech mit dieser Razzia. Junge, sie hätte dir das Leben
gerettet. Als Dealer hättest du keine zwei Tage mehr überlebt. Aber
hinter dieser Brücke wartete eine Frau auf dich. Sie hätte dir helfen
können. Sie hätte dich bei sich aufgenommen und dir geholfen, von der
Droge loszukommen."
„Klar. Mein guter Engel auf allen Straßen. An Märchen glaube ich schon lange
nicht mehr", sagte Ron resigniert.
„Kein Engel. Eine Ärztin. Eine Spezialistin in Sachen Suchtkrankheiten. Sie
ist neu in der Stadt und hat gerade heute ihre Praxis eröffnet. So
viel zum Thema Märchenstunde. Ron, ich wollte dir helfen. Doch nun,
scheint es, hast du dir selbst geholfen. Nur, dein Weg war der falsche.
Und bis du das nicht verstanden hast, kann ich dich nicht zu mir
lassen." „Und was hast du nun mit mir vor? Schickst du mich nun zur
Hölle? Mach nur, ich hab´s gerne warm", meinte Ron sarkastisch. Doch
insgeheim fürchtete er sich ein wenig vor der Antwort.
„Hölle? Vielleicht. Es kommt immer auf die Sichtweise an. In deinem
Leben hast du stets davor zurückgeschreckt, dich deinen Problemen zu
stellen, mutig zu sein und eine Lösung zu finden, die dir gut tut und
dir weiterhilft. Deine Problemlösungen waren einfach und effektiv. Aber
nur, wenn es darum ging, dich weiter kaputtzumachen und an den Rand des
Abgrunds zu treiben. Nun hör mir zu, und ich werde dir sagen, was dich
erwartet. Du wirst eine lange Reise antreten. Im Verlauf dieser Reise
wirst du vielen Menschen mit vielen unterschiedlichen Problemen
begegnen. Und du wirst ihnen helfen. Jedes Problem weniger bringt dich
näher ans Paradies."
„Wie soll ich das schaffen? Das ist doch unmöglich!", rief Ron
entsetzt. „Dazu brauche ich doch eine Ewigkeit!"
„Und genau die hast du zur Verfügung", schmunzelte die Stimme. „Ich
wage zu behaupten, dass dir die Zeit nicht lang werden wird."
„Wie merke ich denn überhaupt, dass ich das richtige getan habe? Wer
entscheidet denn, ob eine Lösung gut oder schlecht ist?" fragte Ron,
und Verzweiflung machte sich in ihm breit. Diese Aufgabe war doch viel
zu hoch für ihn!
„Ich werde entscheiden und dich dann weiterschicken, wenn ich finde,
dass du dir die nächste Aufgabe verdient hast."
„Und wenn ich es nicht schaffe? Lässt du mich dann für immer irgendwo
allein? Das kannst du nicht tun!" bettelte Ron. „Schon mal was von
Beten gehört? Vertrau mir doch einfach. Gute Reise!"
Bevor er noch irgend etwas sagen konnte, wurde Ron von einem Wirbel
erfasst, der ihn mit sich fortriss. Licht, Dunkel und viele
verschiedene Farben wechselten einander ab, Bilder von Menschen und
Landschaften zogen blitzartig an Ron vorbei, bis sich der Sog
verlangsamte. Ron hatte plötzlich das Gefühl, kleiner zu werden. Die
Gestalt eines kleinen Mädchens von etwa 11 Jahren tauchte
vor ihm auf. Rons Geist durchdrang die körperliche Hülle und machte sich in ihr
breit. Er war das Mädchen! „O mein Gott, ich glaube, ich spinne!", dachte Ron panisch. Dann öffnete er die Augen.