„Was ist denn los, mein Mädchen? Warum sprichst du
nicht weiter?", hörte er die brüchige Stimme eines alten Mannes. Ron
blinzelte. Das Bild vor seinen Augen wurde langsam klar. Er stand vor einer
strohgedeckten Lehmziegelhütte, die brüchig aussah und an vielen Stellen nach
Ausbesserung schrie. Davor saß auf einem wackligen hölzernen Bänkchen ein
hagerer Greis, dessen lederartige Haut von der Sonne gegerbt schien. Seine
wenigen Haare waren weiß, sein Bart kurz und dünn, seine Zähne schon nicht mehr
vollständig. In Händen hielt er ein angefangenes Geflecht aus Binsen, von denen
er neben sich ein großes Bündel liegen hatte. Als Ron ihm in die Augen sah,
wurde ihm klar, dass der Mann blind war. Die Pupillen waren weiß und irrten
ziellos hin und her auf der Suche nach einem Bild, das sie nie sehen würden.
„Ein Glück, dass er mich jetzt nicht sehen kann!", dachte Ron spontan und
schämte sich im gleichen Moment für diesen Gedanken. Er sah an sich herab.
Seine kleinen, staubigen Füße, oder vielmehr die des Mädchens!, steckten in
ärmlichen Sandalen aus Stroh, die in absehbarer Zeit auseinander fallen würden.
Er trug ein wohl handgewebtes Kleid aus grober, brauner Wolle mit kurzen
Ärmeln, das ihm bis zu den Knöcheln ging. Ron betrachtete seine nackten Arme,
sie waren braungebrannt und kräftig für so ein junges Mädchen. Seine Hände
zuckten nach hinten und fassten eine Haarsträhne. Sie war mehr als schulterlang
und ebenfalls dunkelbraun, fast schwarz. „
Ein Königreich für einen Spiegel!", schoss es Ron durch den Kopf. Hier gab
es ja nicht mal eine Fensterscheibe. Wenn er nur wüsste, wo „hier" war!
„Miriam?", fragte der alte Mann verwirrt. „Hast du die Sprache
verloren?" Aha. Miriam hieß er also. Nun musste er nur noch wissen, welche
Sprache er eigentlich verloren hatte!
Aber bevor er zum Nachdenken kam, antwortete er wie von selbst mit einer hellen
Kinderstimme:„Nein, Eli. Ich muss jetzt nach Hause, meiner Mutter helfen."
„Ja, das ist gut. Hilf ihr, mein Kind. Sie kann es jetzt brauchen, wo doch dein
Brüderchen unterwegs ist." „Oder Schwesterchen", lachte Miriam. Ron
war verwirrt. Das war ja seltsam. Er konnte diese merkwürdige Sprache verstehen
und sogar selbst sprechen. Oder war es das Mädchen, das sprach, und er selber
war nur als Zuschauer hier? Nein. Das konnte nicht sein. Eben hatte er als
Miriam gehandelt und sich bewegt.
Schließlich sollte er ja auch irgendwas tun, nein, er musste etwas tun,
um wieder von hier wegzukommen. Da war es eigentlich nicht mehr als nützlich,
auch die passende Sprache zu sprechen. Und das ging wie von selbst!
„Ein Glück", dachte Ron, „sprachbegabt war ich ja noch nie! Wahrscheinlich
habe ich nicht nur Zugriff auf den Körper, sondern auch auf das Wissen des
Mädchens. So eine Art Lexikon, auf das ich zurückgreifen kann. Gott sei Dank!
Wäre ja auch etwas auffällig, wenn Miriam sich plötzlich auf deutsch mit ihren
Eltern unterhalten würde. Sicher haben die noch nie was von Fernsehen und
Fast-Food gehört." Er forschte ein wenig tiefer in Miriams Gedanken und
erfuhr bald, dass sie eine 11-jährige Hebräerin war, deren Familie hier als
Sklaven lebte. Hier, so fand er heraus, war Ägypten, Ägypten unter der
Regierung von Pharao Sethos.
„Na wunderbar", stöhnte Ron in Gedanken. Und was jetzt? „Hätte ich nur in
Geschichte besser aufgepasst. Ich habe nicht die geringste Ahnung, was hier
Sache ist." Immerhin hatte er den Namen Sethos schon mal gehört, aber in
welchem Zusammenhang? Er grübelte und grübelte, aber die Erleuchtung blieb aus.
Eine innere Stimme, wohl Miriams, gab ihm ein, sich auf den Weg nach Hause zu
begeben. Nach Hause, wo immer das auch sein sollte.
Er überließ Miriam die Führung, und so lief sie auf dem lehmig-sandigen Boden
vorbei an ähnlich ärmlichen Lehmhütten, wie Eli sie besaß, durch die sengende
Sonne, die hoch am Himmel stand. Daraus schloss Ron, dass es um die Mittagszeit
sein musste. Je weiter sie kamen, desto deutlicher wurde das Geräusch
fließenden Wassers, und schon bald konnte Ron einen gewaltigen Fluss sehen, der
sich hinter riesig großen Büschen von Binsen und Flussgras durch die Landschaft
wand und das Land teilte. „Das erste Zeichen von Leben in dieser Sand- und
Lehmwüste", dachte Ron und staunte. Das musste der Nil sein, von dessen
Ausmaßen und ebenso ersehnten wie gefürchteten Überschwemmungen er bisher nur
vage gehört hatte. Und Miriams Zuhause war wohl die Hütte, die dem Flussufer am
nächsten stand. Ron wünschte
sich, einen Blick aufs Wasser werfen zu können, ganz nahe am Ufer zu stehen und
sich die unvorstellbaren Wassermengen näher zu betrachten.
Und Miriam tat ihm den Gefallen! Sie stand am Ufer, und Ron staunte über den
Anblick, der sich ihm bot. Ein unendlich langer, weiter Wasserstrom, der die
Farbe des Himmels von leuchtendblau bis ins blaugraue und an den Rändern die
braune Farbe des Ufers widerspiegelte. Dann staunte Ron nochmals. Er hatte sich
schon gewundert, dass Miriam ihn nicht zu bemerken schien. Sie verhielt sich
offenbar nicht anders als gewohnt. Aber wann immer er es wollte, konnte er
eingreifen und sie durch seine Gedanken zum Reden und Handeln bewegen, wie er
es bestimmte. Nur deshalb konnte sie zum Ufer gegangen und dort stehen
geblieben sein, um den Nil zu betrachten. Für jemanden, der dort wohnte und
jeden Tag dieses Bild vor Augen hatte, war es sicherlich nichts Neues mehr!
„Aha, so funktioniert das", dachte sich Ron erfreut.
Er hatte sich schon gefragt, welche Schwierigkeiten ihn wohl in seiner fremden
Haut erwarten würde, wie viel Unbekanntes er zu meistern und zu erklären hätte.
Aber wenn die Sache so aussah, würde es vielleicht gar nicht mal so schwer
werden. Miriam würde ihr Leben wie gewohnt gestalten, er konnte die Lage in
Ruhe beobachten, und sobald ihm etwas auf- oder einfiel, würde er eingreifen.
In Gedanken lehnte sich Ron erleichtert zurück und entspannte sich für eine
Weile. Vielleicht war diese Mission ja doch nicht die Hölle? Für einen Moment
wurde er zuversichtlich. Dann fiel ihm ein, dass er ja noch gar nicht wusste,
welche Aufgabe er zu erfüllen hatte. Er würde Augen und Ohren offen halten
müssen, damit er seine Chance nicht noch womöglich verpasste! Das letzte, was
er wollte, war, hier festzusitzen und als Mädchen groß zu werden!
Aber so weit war es noch lange nicht. Sein Abenteuer hatte soeben erst
begonnen, und Ron hatte die leise Ahnung, dass er so schnell nicht von hier
wegkommen würde. . . .