Wieder wurde er in einem bunten Wirbel durch die Zeit transportiert,
aber diesmal dauerte es nur wenige Sekunden, wie es Ron erschien. Dann sah er
vor sich die Gestalt eines Soldaten, wie er sie aus Monumentalfilmen über das
alte Rom kannte.
Es war ein Soldat von vielen, die kampfbereit vor einem Palast standen, um ihn
zu verteidigen. In diesen Soldaten sprang er.
Es war dunkel, Rauchschwaden erfüllten die Luft, und Feuerschein färbte den
Himmel am Horizont blutig rot. Die Hitze eines gewaltigen Brandes war trotz der
Entfernung deutlich spürbar und trieb den mutigen Soldaten den Schweiß auf die
Haut. Schon den dritten Tag lang wüteten die Flammen, und das Gebiet um den
Palatin war nicht mehr zu retten. Immer weiter breitete sich das Feuer aus. Rom
brannte nieder. Bereits jetzt hieß es im Volk, der Kaiser selbst habe das Feuer
legen lassen. Deshalb stand Claudius Severus mit einem Großteil der
Prätorianergarde seit Beginn des Brandes Wache vor dem Palast, um Aufstände
durch die gepeinigte und wütende Bevölkerung niederzuschlagen. Er hatte nur
kurze Ruhepausen einlegen dürfen und war mittlerweile am Rand der Erschöpfung.
So bemerkte er nicht, dass Rons Geist in seine Gedanken eindrang.
„Na, ist ja wunderbar!", dachte sich Ron einigermaßen entnervt. „Noch ein
Feuer! Bin ich hier als ehrenamtlicher Feuerwehrmann unterwegs, oder was? Sieht
ohnehin so aus, als sei in diesem Fall nicht mehr viel zu retten. Wo bin ich
hier eigentlich gelandet? Irgendwie kommt mir dieses Bild bekannt vor."
Ron grübelte eine Weile, dann musste er lachen. „Klar! Hier fehlt ganz
eindeutig Sir Peter Ustinov in der Hauptrolle."
Wie recht er mit seiner Vermutung hatte, konnte Ron aus Claudius´ Gedanken
lesen. Da dieser momentan ziemlich am Ende seiner Kräfte war, lagen seine
Gedanken und Empfindungen wie ein offenes Buch vor Ron´s neugierigem Geist. So
wusste Ron
binnen kürzester Zeit, dass er sich in einem Soldaten namens Claudius Severus
befand, der erst vor wenigen Monaten als Munifex in die Prätorianergarde des
amtierenden Herrschers von Rom, Kaiser Nero, aufgenommen worden war. Da er noch
jung an Jahren war, brannte er darauf, sich zu bewähren, und steckte all seine
Zeit und Kraft in seine Arbeit für den Kaiser. Deshalb hatte er noch keine
Familie gegründet und sich bisher auch noch nicht mit dem Gedanken getragen,
dies zu tun.
„Und was ist nun meine Aufgabe?", fragte sich Ron. „Soll ich etwa ein
passendes Mädchen für ihn raussuchen, damit er in seiner Freizeit beschäftigt
ist?" Doch zunächst würde Claudius seine Freizeit mit Schlaf verbringen,
denn er erhielt von seinem Centurio den Befehl, sich zur Nachtruhe zu begeben,
um am nächsten Tag für die Versorgung der Obdachlosen und Verletzten
einsatzbereit zu sein. Bei einer
solchen Katastrophe wurde jeder Mann gebraucht, und des Kaisers Leibwache
konnte aufgrund ihrer Mannstärke getrost einige Soldaten zu Hilfszwecken
abgeben.
„Jawohl, Centurio. Zu Befehl!", salutierte Claudius gehorsam und insgeheim
froh, sich endlich schlafen legen zu dürfen. Müde, in kaum noch soldatischer
Haltung, schleppte er sich nach Hause und ließ sich in voller Kleidung auf
seine Liege fallen. Er hatte sich kaum zugedeckt, als er auch schon
eingeschlafen war. Da Ron ahnte, dass in den kommenden Tagen allerhand auf ihn
zukommen würde und er dafür all seine Aufmerksamkeit und Kraft sammeln musste,
schloss er sich Claudius´ Beispiel an. Der neue Morgen graute viel zu früh, und
mit den ersten Lichtstrahlen erwachte Claudius. Er rieb sich müde die Augen,
als er sich von der Liege quälte, und versuchte an seinem Waschtisch das
lästige, immerwährende Brennen heraus zu waschen, das vom Qualm des Feuers
herrührte. Gleichzeitig hoffte er, durch das kalte Wasser halbwegs munter zu
werden und den Brandgeruch loszuwerden, der seit Tagen in seiner Haut und
Kleidung haftete.
Mittlerweile hatte sich der Brand größtenteils gelegt und war von vielen
mutigen Männern eingedämmt worden, nur in einzelnen Stadtvierteln flammte das
Feuer immer wieder auf, so war ihm gestern Abend noch berichtet worden. Wie
viele Menschen umgekommen waren und wie viele obdachlos und verletzt waren,
konnte momentan nur erahnt werden. Fest stand nur, dass er heute bei seinem
Dienst das Elend
hautnah erblicken würde.
Er rubbelte sich mit einem Handtuch Gesicht und Haare trocken. Als er in den
Spiegel sah, blickte ihm ein junger Mann mit müden, blutunterlaufenen Augen und
allen Anzeichen der Erschöpfung entgegen. Durch die Strapazen der vergangenen
Tage wirkte er deutlich älter, als er eigentlich war. Claudius bemühte sich,
sein kurzes blondes Haar zu ordnen und sich mit einer Rasur wieder in einen
disziplinierten Soldaten zu verwandeln. Auch Ron war mittlerweile so gut wie
wach und hatte die morgendlichen Aktivitäten seines Gastgebers interessiert
beobachtet. Als Claudius
sich ankleidete und seinen Mantel überwarf, sagte er unwillkürlich: „Der sitzt
noch nicht richtig, sieh mal nach."
Claudius stutzte, nahm seinen Mantel von der Schulter, glättete ihn und warf
ihn noch mal um. Ron staunte. War das jetzt Zufall gewesen? Vielleicht konnte
Claudius ihn ja hören? Er beschloss, dies im Auge zu behalten und bei
Gelegenheit weiter zu testen.
Eilig nahm Claudius ein Frühstück aus Brot, Wurst und gewässertem Wein zu sich,
ehe er sich zu seinem Dienst meldete. Sein Centurio hatte ihn zu einem großen
Feld außerhalb der Stadtmauern beordert, das zur Zeit nicht beackert wurde und
auf dem zahlreiche provisorische Zelte aufgeschlagen worden waren, um die
obdachlosen und verletzten Römer unterzubringen. Größtenteils kamen sie aus den
ärmeren
Stadtteilen und standen nun vor den Trümmern ihrer Existenz. Die wohlhabenderen
hatten bereits bei Verwandten Bleibe gefunden und wurden dort versorgt. Aber
bei den Armen der Stadt wohnte meist die ganze Familie unter einem Dach, so
dass ihnen keine weitere Zuf
lucht blieb. Claudius wusste, dass es seine Aufgabe sein würde, die
Verletzungen zu begutachten und zu versorgen, so gut es ihm möglich war. Einen
Medicus konnten diese Menschen leider nicht erwarten. Würde es ihnen besser
gehen, so würde Claudius ihnen beim Wiederaufbau ihrer Bleibe helfen. Aber bis
dahin musste wohl noch viel Zeit vergehen. Der Anblick der jammernden und
weinenden Menschen, die vor Schmerzen und Verzweiflung außer sich waren, rührte
Claudius. Solch eine Not! Und der Kaiser, dem er diente, sollte sie verursacht
haben? Niemals!
Der junge Soldat durchquerte das Lager, um sich einen Überblick zu
verschaffen. Einige seiner Kameraden und viele Römerinnen, denen das Unglück zu
Herzen ging, halfen bereits, wo sie konnten, und auch Claudius sah bald, wo
seine Hilfe am meisten gebraucht wurde. So wusch er Brandwunden mit Wein aus,
betupfte sie mit Öl und brachte behutsam Verbände aus Leinenstreifen an. Mit
der Zeit bekam
er einen Blick dafür, wie schwer eine Verletzung war, und ob der Verletzte
überleben konnte. Viele würden blind oder verkrüppelt bleiben.
Am schlimmsten waren die dran, deren Lungen von der Hitze der Flammen verbrannt
worden waren. Diese starben meist innerhalb weniger Stunden qualvoll. Andere
husteten nur zum Gotterbarmen, um den eingeatmeten Rauch aus den Lungen zu
bekommen. Sie hatten wenigstens eine Chance, durchzukommen, je nachdem, wie
stark die Lungen befallen waren. Bei vielen anderen waren die Brandwunden zu
großflächig, so dass sich trotz aller Pflege Fieber ausbreitete, das den Körper
auszehrte. Auch diese Verletzten hatten keine Hoffnung, zu überleben.
Einige seiner Kameraden waren dazu abgestellt worden, die Toten zu verbrennen,
und im Laufe des Tages bekamen sie immer mehr zu tun. Claudius´ Verzweiflung
wuchs mit jedem toten Körper, der aus dem Lager transportiert wurde. Wie viele
Römer würde Rom dieser Brand gekostet haben? Häuser konnten wieder aufgebaut
werden, doch für wen letztendlich, wenn einer nach dem anderen sein Leben
verlor?
Selbst wenn es nicht die Reichen der Stadt waren, so waren sie doch Römer und
gehörten zu Rom! Sie waren Zukunft! Irgendwann, die Mittagszeit war schon lange
vorüber, ließ sich Claudius für einen Moment auf einem der provisorischen
Betten nieder, um einen Schluck Wasser zu trinken und bei Kräften zu bleiben.
Als er den Becher zum Mund hob, fiel ihm eine junge Frau auf, die auf der Matte
neben der seinen lag. Sie schien zu schlafen. Ihr schlanker Körper und die
langen braunen Haare wiesen kaum Spuren des Brandes auf. Als Claudius sich über
sie beugte, um nach Verletzungen zu suchen, schlug sie die Augen auf. Claudius
richtete sich auf und sagte sofort beruhigend: „Hab keine Angst, erschrick
nicht. Ich will nur sehen, ob dir etwas fehlt, damit ich dir helfen kann. Das
ist meine Aufgabe hier. Mein Name ist Claudius. Wie ist dein Name?" .
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